Gertrud Teusen - Buchautorin und Textcoach
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Haben Blindenführhunde auch mal Urlaub?

Zwei Tage vor Weihnachten bin ich unterwegs in München Schwabing. Ich habe gerade einen der seltenen (legalen) Parkplätze ergattert und schaue mich nach dem nächsten Parkticketautomaten um. Es ist noch Zeit bis zum nächsten Termin und ich genieße den vorweihnachtlichen Frühling. Neben meinem Auto steht das Einsatzfahrzeug eines Sanitärfachbetriebs auf den Bürgersteig. Ich denke gerade darüber nach, ob es wohl ein Wasserrohrbruch ist, der die Handwerker zu solch' einer Parksünde genötigt hat, als an der Kreuzung vor mir eine Frau mit Hund auftaucht. Ein Labrador, schokobraun, schnuppert schwanzwedelnd die Ecken ab. Die Frau, die die Leine hält, ist blind. In der rechten Hand hat sie den Taststock, mit dem sie ihr Umfeld sondiert. Über der Schulter trägt sie das Führgeschirr des Hundes - und der ist an der Leine, die am Halsband befestigt ist. Der Anblick irritiert mich, sollte nicht der Hund die Frau führen und nicht umgekehrt?

Ganz selbstbewusst überquert die Frau die kleine Seitenstraße - und das obwohl sie ja nichts sieht. Ganz ungewollt starre ich sie an - nur gut, dass sie das ja auch nicht sehen kann. Es ist mir peinlich, so zu gucken. Ich habe das Gefühl, dass sie vielleicht gar nicht so blind ist, wie es den Anschein hat. Ihre waghalsigen Straßenquerungen führen die Frau schließlich auf den Gehweg, auf dem das Werkstattfahrzeug geparkt ist. Sie steuert geradewegs darauf zu. Den Hund an der Leine interessiert das nicht, er beschnüffelt hingebungsvoll eine Hauswand. Gerade will ich die Situation entschärfen, da prallt die Dame schon gegen den Seitenspiegel des Sanitärfahrzeugs. Sie zögert einen Moment, dann korrigiert sie die Richtung und steuert nunmehr schnurstracks auf die Hauswand zu. Wahrscheinlich denkt sie, sie sei den parkenden Autos zu nah gekommen. Die Kurskorrektur hätte um ein Haar fatale Folgen gehabt, denn nun stolpert sie über das Bodengitter eines Kellerfensters.

Sie fängt sich schnell und geht nun festen Schrittes weiter geradeaus. Der Hund an der Leine schnüffelt immer noch - so als ob nichts gesehen sei. Ich beschließe für mich, dass das meine kleine Weihnachtsgeschichte ist. Der Blindenführhund war gerade im Urlaub. Das alles wäre sicher nicht passiert, wenn er sein Führgeschirr getragen hätte. Aber vielleicht hatte sein Frauchen einfach beschlossen, ihren treuen Begleiter gerade heute, zwei Tage vor Weihnachten, mal eine Auszeit zu gönnen.